Der Sefiroth-Baum
Interessant ist das Symbol des Sefiroth-Baumes. Ein ganz anderes Bild des kosmischen Baumes finden wir auf der ikonischen Ebene im Sefiroth-Baum der Kabbala. Auch dieses Bild spiegelt, nach kabbalistischer Auffassung, nun jedoch auf eine ganz andere Weise, die vollständige Wirklichkeit wider. Der kosmische Sefiroth-Baum bildet nach kabbalistischer Vorstellung sowohl das gesamte Universum, als auch die Natur des Menschen ab. Er ermöglicht eine Verknüpfung der ersten 10 Zahlen mit den 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets. Hierdurch wird grundsätzlich ein Zugang zu allen relativen Bereichen der Schöpfung und eine Möglichkeit der Einflussnahme auf diese geschaffen. Die Zahlen stehen in diesem Baum für Teilaspekte der schöpferischen Kraft (Sefiroth) des Göttlichen: 1. Keter (Krone), 2. Cochma (Weisheit), 3. Bina (Vernunft), 4. Gedula (Größe), 5.Gewura (Kraft), 6. Tiferet (Schönheit), 7. Nezach (Dauer), 8. Hod (Majestät), 9. Jessod (Fundament), 10. Malchut (Reich).


Interessanterweise wird auch der Sefiroth ebenso wie der Ashvattha-Baum Indiens als auf dem Kopfe stehend verstanden. Keter bildet also oben das Wurzelwerk und Malchut unten die Baumkrone. Die aus diesem System ableitbaren zahlenmystischen Zusammenhänge der Kabbala sind überaus faszinierend und haben gerade in den letzten Jahren wieder eine deutliche Neubelebung erfahren.

 
Der Baum der Schamanen
Wir finden in den Mythen fast aller Völker der Erde das Bild des kosmischen Baumes, dessen Stamm als Mittelpunkt und Zentrum der Welt den Himmel trägt. Er verbindet die verschiedenen Welten miteinander, den Himmel, die Erde und die Unterwelt. Es ist sicherlich nicht übertrieben, wenn man sagt, dass das Sinnbild des Baumes vielleicht das grundlegendste, gewaltigste und älteste aller Ursymbole der Menschheit ist. Besonders aufschlussreich ist das Symbol des Baumes der Schamanen.
Wie wir beim Bild der Weltensäule schon hörten, hat auch der Weltenbaum der Schamanen durchgängig in eigentlich allen Kulturen die Aufgabe, die drei kosmischen Regionen des Himmels, der Erde und der Unterwelt zu verbinden und bildet dabei das Zentrum der Welt, die Weltenachse. Der Baum hat auch die Funktion der Himmelsleiter, die es dem Schamanen ermöglicht, sich von einer Ebene der Wirklichkeit in eine andere zu begeben.

In der Naturreligion des Schamanismus sind die Bilder, die im Zusammenhang mit dem Symbol des Baumes stehen, sehr vielfältig. So gab es Völker, die glaubten, dass es drei solcher Weltenbäume gäbe, jeweils einer im Himmel, einer auf der Erde und einer in der Unterwelt. Häufig findet sich auch die Vorstellung, dass in den Wipfeln des Baumes neue Schamanen heranwachsen und dass auf den Zweigen in Vogelgestalt die Seelen der noch ungeborenen Kinder zu finden sind.
Der Schamane besteigt diesen Baum rituell während seiner Initiationsphase. Ist seine Lehrzeit dann abgeschlossen, besteigt er ihn tatsächlich im Aufstieg zum Himmel, wobei der Baum häufig so beschrieben wird, dass er sieben oder auch neun Äste hat, die einer ebensolchen Anzahl von verschiedenen Himmeln entsprechen. Diese werden von geistigen Wesen, Gottheiten und Göttern bewohnt, dabei wohnt der höchste Gott auch im höchsten Himmel.

Für seinen Weg in den Himmel oder auch in die Unterwelt, die ebenfalls von Geistwesen bewohnt wird, benötigt der Schamane sein wichtigstes Instrument, die Schamanentrommel. Er benutzt sie sozusagen als Fahrzeug in die anderen Sphären der Wirklichkeit. Hierzu schneidet er sich aus der irdischen Entsprechung des Weltenbaumes, häufig ist dies eine Birke, das Holz zur Herstellung seiner Schamanentrommel. Sie ist dann nicht nur das Abbild des kosmischen Baumes in seinen Händen, er verwandelt dieses Phallus Symbol, den Baum (männlich) in ein Yoni Symbol die Trommel (weiblich).

Im Vorgang des Trommelns wird die Schamanentrommel (Yoni) durch den Schlegel (Linga) stimuliert, Shiva und Shakti vereinigen sich bei jedem Trommelschlag, und von der so entwickelten schöpferischen Energie getragen, beginnt der Schamane in Trance seine Reise aufwärts oder abwärts des Baumes hin zu den verschiedenen Ebenen der Schöpfung.
Die ihm durch die Trommel zufließende Energie gibt ihm auch die Kraft, nicht nur den Prüfungen und Anfechtungen zu widerstehen, mit denen ihm die Götter, Geister und Dämonen zunächst begegnen, deren Unterstützung er sucht, sie gibt ihm auch die Macht über die entsprechenden Wesenheiten, die aufgesucht werden. Dadurch kann der Schamane dann auch gewährleisten, daß die erstrebte Hilfe von ihnen auch gewährt wird.


Der Ashvattha-Baum
Eindrucksvoll ist das Symbol des Ashvattha-Baumes.
Der Ashvattha-Baum (ficus religiosa) ist das indische Symbol des kosmischen Baumes. Es ist der als heilig verehrte Feigenbaum, der Lebensbaum, der nahezu unsterblich wird dadurch, daß seine Zweige bis herunter auf die Erde reichen und dort als Ableger immer neue Bäume wachsen lassen kann. Über seinen kosmischen Aspekt berichtet das Katha-Upanishad.
Dies ist der ewige Ashvattha-Baum mit der Wurzel oben und den Zweigen unten. Die Wurzel wird das Leuchtende genannt: Das ist Brahman, und Das allein ist unsterblich. In diesem Das sind alle Welten enthalten, und nichts kann darüber hinausgehen. Dies ist in der Tat Das.

Der in diesem verwirrenden Bild beschriebene Baum des Universums umfasst ebenso wie die Esche die gesamte Schöpfung einschließlich des absoluten ewigen Teils. Während jedoch bei der Weltenesche die Wurzeln alle relativen Schöpfungsbereiche nämlich Unterwelt, Erde und Himmel berühren, haben wir es hier offensichtlich mit einem anderen Koordinatensystem zu tun. Dabei stimmen das Oben und Unten der Schöpfung hier nicht mit dem Oben und Unten des Baumes überein. Oben steht für das Ewige, das aus sich selbst leuchtende Brahman. Da aus ihm die relative Existenz hervorgeht, muss es identisch sein mit der Wurzel des kosmischen Baumes. Unten steht für die Bereiche Unterwelt, Erde und Himmel, also für die relativen Bereiche des Lebens, die aus dem Absoluten Brahman hervorgegangen sind. 
In der Bhagavad-Gita schildert Mahavishnu in seiner Inkarnation als Krishna den Ashvattha-Baum. Dort heißt es:
Der höchste Gott sprach:
Der unvergängliche Ashvattha-Feigenbaum, dessen Blätter die vedischen Hymnen sind, hat seine Wurzeln oben und seine Zweige unten, so heißt es. Wer ihn kennt, kennt die Veden.
In diesem Vers verkündet uns Krishna die grundsätzliche Erkennbarkeit des Ashvattha-Baumes, als Ausdruck der vollständigen Wirklichkeit, relativ und absolut. Wenn er sagt: "Wer ihn kennt, kennt die Veden," verheißt er uns damit nicht weniger als den Lohn der Allwissenheit, wie dies auch der alte indische Rishi Shankara in seinem berühmten Kommentar zur Bhagavad Gita betont.
In der bereits erwähnten Uttara-Gita wird interessanterweise die Sushumna mit ihren vielen Nebennadis mit diesem auf dem Kopf stehenden Ashvatta gleichgesetzt. Dabei wird ausdrücklich betont, daß dieser Baum identisch ist mit der ganzen Schöpfung.

In den puranischen Berichten finden wir den Ashvattha-Baum auf dem Berg Vipula wachsend. Dieser Berg ist dem Meru auf dem Jambu-Dvipa vorgelagert. Es gibt dort noch drei andere Vorgebirge, die jeweils von einem der heiligen Bäume Indiens bewachsen sind. Auf dem Mandara steht der heilige Kadam-Baum, auf dem Ganda-madana finden wir den Jambu-Baum und auf dem Su-parshva wächst der heilige Banyan-Baum. Es sind dies lange noch nicht alle Baumarten, denen in Indien göttliche Verehrung entgegengebracht wird. Zu nennen wären da sicherlich noch der Rudraksha-Baum, der Tulsi-Baum und der Sandal-Baum. Die Liste ließe sich weiterführen und ist kaum zu vervollständigen, weil die allgemeine Verehrung der Bäume, ähnlich wie im keltisch-germanischen Kulturkreis, fließend in die religiöse Verehrung übergeht und eigentlich jeder Baum in irgendeiner Weise einen verehrungswürdigen Aspekt besitzt.



Der Weltenbaum als Säule der Welt
 In den Mythen der Völker finden sich vielfältige Baumsymbole, die seine kosmische Funktion erklären:
Aus der griechischen Mythologie kennen wir den Baum des Lebens, der von den göttlichen Nymphen, den Hesperiden zusammen mit dem hundertköpfigen Drachen Ladon im "fernen Westen" bewacht wird. Auf ihm wachsen die goldenen Äpfel, die Gäa, die Göttin der Erde, als Hochzeitsgeschenk für Gott Zeus und seine Gemahlin Hera wachsen ließ.
Vom griechischen Gott Adonis ist überliefert, daß er aus dem Stamm eines Baumes geboren wurde. Die Nähe zum schon bekannten indischen Bilde der Gottheit, die sich aus dem Linga offenbart, ist offensichtlich.
Berühmt bis in unsere Tage sind die heilige Ulme von Ephesos und heilige Bäume, die in Tempelanlagen zu Ehren der jeweiligen Gottheit verehrt wurden. Bekannt ist der Olivenbaum auf der Akropolis, der Palmbaum auf Delos und der Weidenbaum auf Samos. Im Heiligtum des Äskulap zu Cos stand der heilige Zypressenbaum.
Pindaros (um 500 v.Chr.) berichtet uns von dem heiligen Ölbaum, der zu Olympia neben dem Eingang stand. Von ihm hatte ein Knabe mit einem goldenen Messer die Siegerkränze zu schneiden. Herkules soll diesen Baum vom Volk der Hyperboreer erhalten haben um ihn nach Griechenland zu bringen.
Es ist bekannt, dass in alter Zeit die Könige unter heiligen Bäumen im Angesicht der Gottheit gekrönt wurden.
Auch Rom hatte seine verehrungswürdigen Bäume, von denen man sagte, dass sie heiliger seien als die Götterbilder. Häufig wurden unter ihnen Altäre errichtet. Auf dem Forum wurde der heilige Feigenbaum des Romulus bis in die Zeit des Kaiserreiches verehrt. Am Hange des Palatinus wuchs ein Kornellkirschbaum, der lange Zeit als eines der größten Heiligtümer Roms angesehen wurde. Plinius sagt, dass Bäume die ersten Tempel der göttlichen Wesen waren.
In Ägypten gab es eine Vielzahl heiliger Bäume. Zu nennen sind hier der Ishedbaum und die Nilakazie. Besondere Bedeutung hat die heilige Sykomore, ein Feigenbaum. Es ist der Baum, der das Reich des Todes aber auch den Himmel der Götter darstellt. Die Himmelsgöttin Nut, erscheint den Verstorbenen in Baumgestalt, um sie im Reich des Todes mit Speise und Trank zu begrüßen. 

Der Bezug von Baum und Tod findet sich vielerorts auf der Erde. Die Körper der Toten werden dem Baum übergeben, indem sie auf Bäumen oder in Baumhöhlungen bestattet werden. Sie werden damit sozusagen dem Himmel in der Form des Baumes überantwortet. Auch vom prygischen Gott Attis wissen wir, dass er in der Form der Kiefer verehrt wurde. In der iranischen Tradition finden wir einen Baum des ewigen Lebens, den Gaokerena. Auf ihm wachsen Früchte, deren Genuß ewige Jugend versprechen. Bei den Sumerern  wurde der Himmelsbaum schon vor mehr als 5.000 Jahren verehrt. Im Gesang von Eridu, der uns überliefert wurde, wird er auf wunderbare Weise verherrlicht. Seine weiße Wurzel reichte in die Tiefe. Sein Sitz war der Mittelpunkt der Welt, sein Laub war das Lager von Zikum, der Mutter. In das Herz des heiligen Hauses, das seinen Schatten ausbreitet wie ein Wald, ist kein Mensch eingetreten; dort (ist das Haus) der mächtigen Mutter, die über den Himmel hingeht. In der Mitte davon war Tammuz. 

Und auf einen weiteren wichtigen Aspekt soll schon an dieser Stelle aufmerksam gemacht werden: Wir haben erfahren, dass die Vorstellung des Weltenbaumes als Himmelsachse bei allen Völkern dieser Erde, die dieses Bild kennen, die Vorstellung beinhaltet, dass diese Achse jeweils senkrecht auf den Himmelspol, also den Polarstern weist. Am Nordpol ist dies auch tatsächlich der Fall, dort hat man den Himmelspol genau senkrecht über sich. Je weiter wir uns jedoch vom Pol entfernen, in eine um so deutlichere Schräglage würde auch die Weltenachse geraten. Das bedeutet, dass wir den gemeinsamen Ursprung dieser grundlegenden Vorstellung im äußersten Norden unseres Erdballes suchen müssen, denn nur dort kann sich diese Vorstellung in Übereinstimmung mit der täglichen Erfahrung entwickelt haben 

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